Gastbeitrag von Julia Otto
Manchmal sind es die Brüche, die uns am meisten berühren – und genau diese Erfahrung stand im Mittelpunkt eines besonderen Abends im Gemeindehaus in Dorndorf.
19 Menschen unterschiedlichen Alters kamen zusammen, um einen meditativen Abend zu erleben und die japanische Kunst des Kintsugi auszuprobieren.
„Wahre Heilung bedeutet nicht, dass nichts zerbricht – sondern dass die Brüche Teil unserer Geschichte werden. Und dass Gott diese Risse mit seinem Licht vergoldet“, erklärte Pfarrerin Franziska Freiberg. Sie führte die Gäste in die spirituelle Tiefe von Kintsugi und der japanischen Lebensphilosophie Wabi Sabi ein.
Kintsugi ist die praktische Antwort auf Wabi Sabi: Schalen werden nicht repariert, um wie neu auszusehen, sondern so, dass ihre Geschichte sichtbar bleibt.
Das Gold wird genau dorthin gesetzt, wo es wehgetan hat – ein Symbol dafür, wie auch menschliche Brüche wertvoll werden können.
Der Abend war ein Fest für alle Sinne: Räucherstäbchenduft lag in der Luft, meditative Musik, Meditation und Klangschalen begleiteten die kreative Arbeit.
Snacks und Getränke an fünf Tischen luden zum Austausch ein, und hier konnten die Gäste über Fragen und Gedanken zum Themenabend ins Gespräch kommen. So entstand eine besondere Atmosphäre, in der die heilende Kraft der Zerbrechlichkeit erfahrbar wurde.
Der Abend machte erfahrbar: Brüche sind nicht das Ende, sondern Teil unserer Geschichte. Und manchmal sind genau diese Narben es, die uns tiefe Würde verleihen. Ein Abend zum Runterkommen, Staunen und Heilwerden.
Am Ende betrachteten alle ihre fertigen Schalen – jede ein einzigartiges Kunstwerk, jede erzählt ihre eigene Geschichte. Manche teilten persönliche Gedanken darüber, welche Brüche und Narben sie selbst erlebt hatten und wie sie daraus Kraft schöpfen konnten.
Zum Schluss konnten die Teilnehmenden ihre Kunstwerke im Altarraum der Kirche ablegen, und Pfarrerin Freiberg hielt eine kleine Andacht:
„In der Passionszeit blicken wir auf Jesus – er ist das Gefäß, das am Kreuz vollkommen zerbrochen ist. Oft wollen wir Leid schnell hinter uns lassen, wir flicken, damit man nichts mehr sieht. Doch das Evangelium erzählt eine andere Geschichte: Gott wird in Jesus selbst zum Scherbenhaufen. Er flieht nicht vor dem Bruch, er wird Teil davon.
Kintsugi lehrt uns: Der Bruch ist nicht das Ende der Geschichte. Er ist der Ort, an dem Verwandlung beginnt. Gottes Gnade ist wie das Gold, das wir heute Abend verwendet haben.
Er benutzt keinen billigen Kleber, der alles verstecken will, sondern seine Liebe, um unsere Narben in Ehrenzeichen zu verwandeln. Ein Herz, das durch Gottes Hand wieder zusammengehalten wird, erzählt eine stärkere Geschichte – gerade weil es Brüche hat, nicht obwohl.“
Der Abend in Dorndorf zeigte eindrucksvoll, dass Heilung, Schönheit und Würde oft genau dort zu finden sind, wo etwas zerbrochen ist – und dass Licht, Liebe, Glaube und Austausch die Risse in Gold verwandeln können.




